Der Handschuh, oder Erinnerungen an Nicolaus Fest – Eine Art Nachruf

File:Disposable nitrile glove.jpg

Ich erinnere mich an Nicolaus, wie er vor der Klasse steht und – das wird wohl in der dritten Klasse gewesen sein –  Schillers „Handschuh“ vorträgt. Ich kann mich nicht an viel erinnern aus meiner Grundschulzeit, aber dass mir diese Szene recht lebhaft in Erinnerung geblieben ist, liegt vermutlich daran, dass er das auf eine für sein zartes Alter recht beeindruckende Weise machte.

Liegt hier der Keim? Die Erfahrung, dass er mit Worten beeindrucken konnte? Und vielleicht, dass er sich dabei als Teil einer Elite, als etwas Besseres fühlen konnte? Elitär ist freilich auch die Haltung des Helden in Schillers „Handschuh“, der zeigt, was er für ein toller Kerl ist, vor den Augen der Damen „rings auf hohem Balkone“, der den Dank der Dame aber nicht begehrt „und verläßt sie zur selben Stunde“.

Wenn ich ehemaligen MitschülerInnen begegne, ist es eine Selbstverständlichkeit, dass wir uns duzen, selbst wenn wir uns Jahrzehnte nicht gesehen haben und in den gemeinsam verbrachten Jahren vielleicht nur sehr wenig oder gar nichts miteinander zu tun hatten (letzteres ist hier der Fall). Nur zwei oder drei fallen mir ein, denen ich dieses schul-kameradschaftliche Du verweigern würde – in allen diesen Fällen ist der Grund eine „rechte“ Gesinnung des jeweiligen ehemaligen Mitschülers. Nun ist es also einer mehr. Also nicht mehr „Nicolaus“, sondern „Herr Fest“.

Es fragt sich schon, wie ein Bildungsbürgersohn wie dieser dazu gekommen ist, Redakteur bei der Bildzeitung zu werden. Nun gut, bei der Sonntagsausgabe. Aber auch die ist nicht gerade ein Intelligenzblatt. Und nicht gerade eine Zeitung, die versucht, ihr Publikum durch Bildung und Aufklärung auf ein höheres geistiges Niveau zu heben. Was reizt jemanden, einer solchen Redaktion anzugehören. Ist es Verachtung der „Massen“? ist es die Lust daran, die Ungebildeten zu manipulieren, sie durch Sprache zu steuern und dadurch Macht zu gewinnen?

„Der Geist steht rechts, und die Freiheit tut es auch!“, lässt Fest sich vernehmen. Das ist das Denken von jemandem, der sich einer Elite zugehörig fühlt und daraus das Recht ableiten zu können meint, sein weniger geistiges Publikum zu manipulieren. Und wenn die BamS dazu nicht mehr die geeignete Plattform bietet, dann eben die AfD. Von der Boulevardzeitung zur Boulevardpartei. Hier kommt also endlich der Geist in die AfD.

Manchem anderen könnte man hier unterstellen – und vielleicht sogar verzeihen – er habe vielleicht einfach nicht begriffen, dass völkisches – oder wie das neuerdings auch heißt: „identitäres“ – Denken inhärent bösartig ist und dass jede Gruppierung, die auch nur ansatzweise in eine solche Richtung geht, bekämpft werden muss. Beim Sohn von Joachim Fest, des Biographen von Hitler, kann man aber eine solche Unwissenheit nicht unterstellen. Herr Fest weiß sehr genau, mit was für Leuten er sich da zusammentut. Jemand, der sich einem solchen Verein anschließt und dann auch noch davon redet, dieser solle die absolute Mehrheit erringen, will nicht Freiheit, sondern Macht. Man nimmt ihm sein Engagement gegen den Totalitarismus der islamischen Fundamentalisten nicht so recht ab wenn er sich dazu den kaum weniger totalitären deutschen Leitkulturlern anschließt.

Zu behaupten, die Freiheit stehe rechts, in genauer Kenntnis der gegen die Freiheit gerichteten Strömungen, die sich in der AfD sammeln, ist unredlich. Dass Herr Fest sich dabei auch noch auf das antitotalitäre Erbe seines Großvaters beruft, ist schlicht unanständig. Man könnte freilich auch sagen, das sei Populismus vom Feinsten.

Da ist also einer, der auszieht, ein Populist zu werden, nicht mehr als Redakteur im Hintergrund sondern vorn auf dem Podium. Was Trump kann, was Goebbels konnte, warum sollte Herr Fest das nicht können? „Und mit Erstaunen und mit Grauen sehen’s die Ritter und Edelfrauen“. Mir fällt hier freilich kein Schiller-Zitat mehr ein, vielmehr eins von Liebermann: „ich kann nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte“.

(Das Bild stammt von https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Disposable_nitrile_glove.jpg?uselang=de. Vermutlich nicht die Art von Damenhandschuh, die Schiller vorschwebte, aber geeignet zur Entfernung von Kotze.)

Advertisements

6 thoughts on “Der Handschuh, oder Erinnerungen an Nicolaus Fest – Eine Art Nachruf

    • Hi Linda, this is about somebody who I have been in primary school with. His father (Joachim Fest) is a famous historian who wrote a biography of Hitler. The son now joined a right wing party in which Nazi-minded people are coming together, which I find surprising considering his family background. He said some stupid things. He was a journalist in a tabloid newspaper before (so I suspect he likes power and manipulation of people). The fact that he joined that party went through the German media. I just wanted to voice my opinion (and disgust) and distance myself from him, but this is German domestic affairs, so I wrote it in German.

      Like

      • That makes perfect sense. I wonder about this sentence: Was Trump kann, was Goebbels konnte, warum sollte Herr Fest das nicht können? Would you translate it for me? Many people over here are comparing Trump to Hitler . . .

        Like

        • “Da ist also einer, der auszieht, ein Populist zu werden, nicht mehr als Redakteur im Hintergrund sondern vorn auf dem Podium. Was Trump kann, was Goebbels konnte, warum sollte Herr Fest das nicht können? „Und mit Erstaunen und mit Grauen sehen’s die Ritter und Edelfrauen“””

          “So here is somebody who is setting out to become a demagogue (populist), no longer as an editor in the background, but in front on stage. What Trump can do, what Goebbels could do, why should Mr. Fest not be able to do it as well? “And the knights and ladies of high degree
          With wonder and horror the action see,””

          The whole piece is a bit ironic. What I mean here is that he is a wannabe Trump or Goebbels (although I think he is actually a bit dangerous since his time as a member of the editorial staff of that tabloid probably made hime quite professional in manipulating peopl’s opinion – I guess he can play a leading role inside the AfD party and that is probably what he is aiming at).

          I am not sure my English is good enough to translate this text in such a way that the tone and connotations and innuendos come through the way I mean it.

          In school Fest once did a recitation of a poem by Schiller (“The Glove”, see https://en.wikipedia.org/wiki/Der_Handschuh) and I am using that as an intro to the whole piece and I am citing from it here. In the end I am citing the painter Max Liebermann (who was a Jew) who in 1933, when the Nazis came to power, famously said that he was unable to eat as much as he wanted to vomit. Hence the rubber glove.

          Like

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s